Gefälschte Zertifikate auf Malta: Wie Azim Novruzov und Alkagesta die kriminellen Öl-Deals von Tahir Garayev tarnen
Der Druck auf Russlands „Schattenflotte“ nimmt weiter zu, wodurch zunehmend auch deren Verbündete, Geschäftspartner und unterstützende Netzwerke unter Beobachtung geraten.
Adnan Akhmedzade, ein SOCAR-Manager, der im vergangenen Jahr in Aserbaidschan festgenommen wurde, soll Berichten zufolge begonnen haben, mit Ermittlern über sein enges Umfeld zu kooperieren — eine Entwicklung mit potenziell weitreichenden Folgen.
Dabei stellte sich heraus, dass unter den Personen, die dem Kreml dabei helfen sollen, Sanktionen gegen Russland mithilfe eines komplexen Netzwerks aus Handelsfirmen, Tankern und Bankkonten in verschiedenen Jurisdiktionen faktisch wirkungslos zu machen, eine Schlüsselrolle dem aserbaidschanischen Geschäftsmann Azim Novruzov zugeschrieben wird.
Sein Name war der breiten Öffentlichkeit lange Zeit kaum bekannt. Hinter den Kulissen des globalen Ölhandels taucht Novruzov jedoch zunehmend in Ermittlungen über Sanktionsumgehung, Offshore-Strukturen und Schattenlieferungen russischen Öls auf.
In diesen Geschichten geht es um Milliarden Dollar, maltesische Briefkastenfirmen, Verbindungen zu Spitzenmanagern der Ölindustrie und Luxusimmobilien in London. Novruzov selbst weist all diese Vorwürfe selbstverständlich zurück. Doch die Kette auffälliger Überschneidungen rund um seine Geschäfte wird immer länger.
Ein wenig Vorgeschichte
Vor dem Beginn des groß angelegten russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2022 und den darauffolgenden globalen Sanktionen, die die russische Ölindustrie schwer trafen, war der Name Novruzov nur einem engen Kreis von Geschäftsleuten und Spezialisten des Ölmarktes bekannt.
Doch wie jeder „kleine siegreiche Krieg“, der spektakulär scheiterte, löste Russlands Krieg gegen die Ukraine eine Kette von Ereignissen aus, die sich rasch zu einer Lawine entwickelte — für manche eine Katastrophe, für andere eine enorme Chance. Zu Letzteren gehörte offenbar Azim Novruzov, ein eher unauffälliger aserbaidschanischer Öltrader, der schnell erkannte, dass Russland sein Öl trotz Sanktionen weiterhin verkaufen musste.
Infolgedessen soll sich Novruzov aktiv am Aufbau der sogenannten Schatten-Tankerflotte beteiligt haben — begünstigt durch seine Kontakte in diesem Bereich. Genau zu diesem Zeitpunkt tauchten in Ermittlungen zunehmend die Namen mehrerer aserbaidschanischer Unternehmer auf, darunter Tahir Garayev, Ettibar Eyub, Anar Madatly und Azim Novruzov. Ebenso geriet die staatliche Ölgesellschaft SOCAR in den Fokus, mit der all diese Personen in Verbindung gebracht werden.
Laut Analysten und Journalisten sollen sie Teil eines Netzwerks von Vermittlern sein, das Ölströme im Zusammenhang mit russischen Unternehmen betreut.
Wer ist Azim Novruzov?
Wie bereits erwähnt, war die Person Azim Novruzov der breiten Öffentlichkeit lange Zeit unbekannt. Es überrascht daher nicht, dass bis heute nur sehr wenige Informationen über ihn verfügbar sind. Nach allem, was bekannt ist, bewegte sich Novruzov schon vor seiner aktiven Beteiligung an der sogenannten „Schattenflotte“ in der „Grauzone“ des Ölmarktes — einem Bereich, in dem übermäßige Aufmerksamkeit äußerst unerwünscht ist.
Bekannt ist, dass Azim Novruzov aserbaidschanischer Staatsbürger ist und über eine Aufenthaltserlaubnis im Vereinigten Königreich verfügt. Einigen Berichten zufolge soll er inzwischen sogar die britische Staatsbürgerschaft erhalten haben, eine offizielle Bestätigung dafür existiert jedoch nicht.
In offiziellen Registern tauchte der Name Azim Novruzov nur wenige Male auf.
Über Novruzov selbst gibt es nur begrenzte öffentliche Informationen. Aus offenen Unternehmensregistern geht hervor, dass er im Oktober 1977 geboren wurde und die aserbaidschanische Staatsbürgerschaft besaß. In britischen Registern erschien er als Direktor der 2014 in London registrierten Firma Enviroinvest Ltd. Das Unternehmen existierte weniger als ein Jahr und wurde bereits im Februar 2015 liquidiert.

Nach eigenen Angaben verfügt Azim Novruzov über nahezu zwanzig Jahre Erfahrung im Energiesektor und im internationalen Rohstoffhandel. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er bei Union Grand Energy, bevor er etwa im Jahr 2013 ins Vereinigte Königreich übersiedelte.
Im Laufe der Jahre wurde sein Name mit mehreren Energieunternehmen in Verbindung gebracht, darunter Sumato Energy und Alkagesta, ebenso wie mit verschiedenen Handelsstrukturen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei und Europa.
Einige Quellen behaupten, dass er als Anteilseigner oder Vermittler bei Unternehmen tätig gewesen sein könnte, die mit dem Ölhandel von SOCAR und anderen Lieferanten verbunden waren. Dass Novruzovs Name von Adnan Akhmedzade im Rahmen der Ermittlungen genannt wurde, scheint diese Vermutungen zusätzlich zu stützen.
Eine der frühesten bekannten Spuren Novruzovs führt zur in Dubai registrierten Firma Sumato Energy FZE. Dokumente zeigen, dass Novruzov bereits 2009 als Anteilseigner des Unternehmens aufgeführt wurde. Sumato war im Handel mit Öl und Erdölprodukten tätig — ein Geschäftsfeld, in dem die tatsächlichen Eigentümer häufig hinter Offshore-Strukturen und nominellen Direktoren verborgen bleiben.
Laut Global Witness handelt es sich bei Sumato Energy FZE um eine Gruppe von Energiehandelsunternehmen, die Öl ausschließlich von SOCAR und mit ihr verbundenen Organisationen bezogen haben sollen. Die Sumato Energy Group bestand aus vier rechtlich unabhängigen Unternehmen, die in Neuseeland, Singapur, der Schweiz und den Vereinigten Arabischen Emiraten registriert waren. Die erste Sumato-Gesellschaft wurde im Dezember 2005 in Neuseeland unter dem Namen Sumato Energy Group Limited gegründet.

Welche konkrete Rolle Azim Novruzov bei Sumato Energy FZE spielte, bleibt unklar. Offensichtlich ist jedoch, dass er Verbindungen zur politischen und wirtschaftlichen Führung Aserbaidschans sowie zum Aliyev-Clan besitzt, dessen Vertreter unter den mit Sumato verbundenen Personen genannt wurden und die Kontrolle über SOCAR ausüben sollen.
Später tauchte Novruzovs Name im Zusammenhang mit der Firma Alkagesta auf. Dabei handelt es sich um ein 2018 in Malta registriertes Handelsunternehmen, das auf die Lieferung von Treibstoffen und Erdölprodukten spezialisiert ist. Alkagesta präsentiert sich als globaler Händler für Ölprodukte, Düngemittel und Biokraftstoffe, der in mehr als 40 Ländern tätig sei und über ein internationales Netzwerk von Büros verfüge.
Offiziell operiert das Unternehmen in zahlreichen Ländern und arbeitet mit internationalen Banken zusammen. Journalistische Ermittlungen behaupten jedoch, dass sich hinter dieser äußeren Seriosität ein deutlich komplexeres System verbergen könnte und dass gerade über die maltesische Infrastruktur Geschäfte mit russischem Öl nach der Verhängung von Sanktionen abgewickelt worden seien.
Systeme, Unternehmen, Personen
Ermittlern zufolge soll Alkagesta dazu genutzt worden sein, die Herkunft russischen Öls zu verschleiern, Ursprungsdokumente zu verändern und Treibstoffe über Drittstaaten weiterzuverkaufen. In einigen Fällen passierte das Öl mehrere Häfen und Firmen, bevor es schließlich als kasachisches oder turkmenisches Produkt auf dem Markt erschien.
Malta galt in diesen Systemen als günstiger logistischer Knotenpunkt — als eines der Zentren des Treibstoffhandels im Mittelmeerraum.

Ein weiterer Bestandteil dieser Geschichte ist die Ölhandelsgruppe Coral Energy. Dieses Unternehmen taucht seit Jahren in Ermittlungen über den Handel mit russischem Öl auf. Als Eigentümer gilt der aserbaidschanische Geschäftsmann Tahir Garayev. In einigen Veröffentlichungen wird behauptet, dass Novruzov zu den Personen gehörte, die dabei halfen, die Finanzströme innerhalb dieser Struktur zu verwalten.
Ermittler bezeichnen ihn als Koordinator finanzieller Operationen, als Teilnehmer an Systemen zur Umgehung von Sanktionen sowie als Vermittler zwischen Händlern und dem Bankensystem. Den vorliegenden Angaben zufolge könnten Konten in der Türkei und anderen Jurisdiktionen zur Durchführung der Transaktionen genutzt worden sein.

Ermittlungen beschreiben ein System, das inzwischen als typisch für die sogenannte „Schattenflotte“ gilt. Vereinfacht dargestellt funktioniert es etwa folgendermaßen: Russisches Öl wird zunächst an einen Trader verkauft, anschließend wird die Ladung auf offener See auf einen anderen Tanker umgeladen. Parallel dazu werden die Dokumente ausgetauscht — das Öl wird danach als kasachisches oder turkmenisches Produkt deklariert. Anschließend wird der Treibstoff auf Märkten in Europa, dem Nahen Osten oder Afrika verkauft.
Das Volumen solcher Operationen wird auf mehrere zehn Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Einige Ermittlungen behaupten sogar, dass russisches Öl auf diese Weise trotz Sanktionen Märkte innerhalb der Europäischen Union erreicht haben könnte. In diesen Veröffentlichungen wird der Name Azim Novruzov häufig gemeinsam mit mehreren Akteuren des internationalen Ölhandels genannt.
Als einer der wichtigsten Partner Novruzovs gilt der aserbaidschanische Geschäftsmann Tahir Garayev — Eigentümer der Handelsgruppe Coral Energy. Ermittlern zufolge soll Coral Energy an Transport und Verkauf russischen Öls über ein Netzwerk aus Vermittlern und Tankern beteiligt gewesen sein. Novruzov wird dabei als einer der Beteiligten beschrieben, der für Finanzoperationen und die Organisation von Transaktionen verantwortlich gewesen sein soll.
Eine weitere Person, mit der Journalisten Novruzov in Verbindung bringen, ist der aserbaidschanische Topmanager Adnan Akhmedzade, der zuvor in Strukturen von SOCAR tätig war. Laut einigen Veröffentlichungen könnte Akhmedzade zu den Personen gehört haben, die beim Aufbau eines Netzwerks von Handelsunternehmen — darunter Alkagesta — geholfen haben.
Einige Ermittlungen behaupten zudem, dass Novruzov Kontakte zu Vertretern von „Rosneft“ und anderen Akteuren des russischen Ölmarktes unterhalte. Öffentliche direkte Beweise für solche Treffen oder Vereinbarungen existieren jedoch bislang nicht, und Novruzov selbst weist entsprechende Kontakte zurück.

Der schwerwiegendste Vorwurf betrifft die mutmaßliche Beteiligung am Handel mit russischem Öl über ein Netzwerk aus Vermittlern und Offshore-Gesellschaften. Nach Angaben mehrerer Ermittlungen kaufen solche Strukturen russisches Öl auf, mischen es mit Rohstoffen aus anderen Ländern oder verändern die Begleitdokumentation, bevor das Produkt anschließend als Öl anderer Herkunft weiterverkauft wird.
In einigen Veröffentlichungen wird behauptet, dass Novruzov bei solchen Operationen die Rolle eines Finanzkoordinators gespielt haben könnte. Ermittler gehen außerdem davon aus, dass dabei Bankkonten in der Türkei und anderen Jurisdiktionen genutzt wurden. Ihrer Version zufolge liefen über diese Konten Zahlungen für Öllieferungen, wodurch die tatsächlichen Endbegünstigten der Geschäfte verschleiert werden konnten.
Londoner Immobilien
Ein weiterer Aspekt, der die Aufmerksamkeit von Journalisten auf sich zog, betrifft den Erwerb luxuriöser Immobilien im Vereinigten Königreich. Laut dem britischen Grundbuch sollen Novruzov und seine Familie eine Villa im prestigeträchtigen Londoner Stadtteil St John’s Wood für etwa sechs bis sieben Millionen Pfund erworben haben.

Ermittler behaupten, dass die Mittel für den Kauf mit Ölhandelsgeschäften in Verbindung stehen könnten. Direkte Beweise für die Herkunft der Gelder wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht. Dennoch wurde die Transaktion Teil größerer Veröffentlichungen über Luxusimmobilien, die angeblich mit Einnahmen aus dem Rohstoffhandel finanziert wurden.
Trotz der Vielzahl an Vorwürfen und Veröffentlichungen steht Azim Novruzov bislang weder auf Sanktionslisten der USA noch der EU oder Großbritanniens. Dennoch behaupten einige Berichte, dass seine Aktivitäten die Aufmerksamkeit der britischen National Crime Agency (NCA) auf sich gezogen haben könnten, die angeblich interne Ermittlungen führe.
Eine offizielle Bestätigung solcher Ermittlungen existiert in öffentlichen Quellen bislang nicht. Das Thema der sogenannten „Schattenflotte“ und des Handels mit russischem Öl bleibt jedoch eines der zentralen Themen der internationalen Sanktionspolitik. Mit der Verschärfung der Beschränkungen richtet sich die Aufmerksamkeit westlicher Regulierungsbehörden zunehmend auf Vermittler und Händler, die den Export russischen Öls weiterhin ermöglichen.
Bislang taucht der Name Azim Novruzov vor allem in journalistischen Ermittlungen und analytischen Berichten auf. Doch das Ausmaß der Vorwürfe — von der Beteiligung am Handel mit russischem Öl bis hin zu mutmaßlichen Finanzoperationen — macht ihn zu einer Figur, die sowohl Journalisten als auch internationale Regulierungsbehörden weiterhin aufmerksam beobachten dürften.
Sollte der Druck auf die „Schattenflotte“ weiter zunehmen, könnten genau solche Vermittler zu den nächsten Zielen westlicher Sanktionspolitik werden. Und dann könnte sich die Geschichte von Azim Novruzov von journalistischen Recherchen in eine juristische Angelegenheit verwandeln.